| Kain Essener
und die Probefahrt Kain Essener hatte einmal auf eine Werbezuschrift geantwortet. Weil ihn das angebotene Auto interessierte. Weil er es gut fand. Design, Feeling, Technik und Sicherheitseinrichtungen auf dem neuesten Stand. Ein Lifestyle-Auto, mit Ideen ausgestattet. An einem Donnerstag Mittag kam der Anruf: "Herr Essener,
Sie interessieren sich doch für den neuen Alpha Beta. Dürfen wir Sie zu einer
Probefahrt einladen?" Am Samstag, nachmittags um Zwei bei trübem, nieseligem Wetter erschien Kain auf dem Gelände der zuständigen örtlichen Handelsniederlassung des Automobilherstellers. Die freundliche junge Frau, die an diesem Samstag noch Dienst tat - längstens bis um Vier - empfing ihn und hörte sich seine Geschichte an. Ja, der Termin sei vereinbart, der Wagen stehe bereit. Wegen des Geschäftsschlusses um Vier stehe aber nur etwa eine Stunde Zeit zur Verfügung. Sie ließ ihn die Übernahmepapiere für den Wagen unterschreiben - ohne Zwang zeichnete Kain Essener für eine Vollkaskoversicherung mit 500 Euro Selbstbeteiligung. Dann begleitete die junge Frau Kain zum Wagen. Er hatte, ohne es zu wissen, seinen kleinen Italiener direkt neben dem Vorführwagen geparkt. Äußerlich waren beide Autos etwa gleich groß. Zwischen beiden lagen 13 Jahre und einiges an technischer Entwicklungsarbeit. Hier war er also: Der neue Alpha Beta in Schwarz und
Silber, fünftürig, 77kW. Nein, Dreitürer wurden nicht hergestellt. Die
Mitarbeiterin des Hauses öffnete den Wagen mit dem elektronischen Schlüssel.
Kain schwang die Fahrertür auf und setzte sich hinein. Bequeme Sitze, er
hatte hier mehr Kopffreiheit. Partout schlug er sich beim Schließen der Türe
den Ellenbogen an der Türsäule der massiven Fahrgastzelle. Alle Instrumente und Bedienhebel lagen in guter Reichweite
um das Lenkrad. Kain steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Eine halbe
Umdrehung, der Motor startete prompt, mit einer gewissen rauhen Grummeligkeit.
Den ersten Gang einlegen - Kain lernte gerade kennen, was andere eine
knackige Schaltung nannten. Kupplung, Gas, der Wagen rollte an. Kain fuhr vom
Firmengelände und bog auf den Frankfurter Ring ein. Schalten, Gas, der Motor
packte mit Biss an. In den engen Straßen um den alten Schwabinger Friedhof machte er ein paar Rangier- und Einparkübungen mit dem Wagen. Das Auto ließ auch hierbei nichts zu wünschen übrig. Einzig die Übersichtlichkeit war wegen der massiven Sicherheits-Fahrgastzelle nach hinten etwas eingeschränkt. Sicherheits-Fahrgastzelle. Hochsicherheits-Fahrgastzelle.
Fahrgast-Hochsicherheitszelle. Das klang nach Stammheim. Dort, wo in den
70ern die Terroristen einsaßen. Zugegeben, manche Autofahrer... Obwohl Samstag war, herrschte in der Innenstadt reger, sogar dichter Verkehr. Kain wollte noch ein paar Autobahnkilometer fahren. Die nächste war die Lindauer Autobahn. Also raus aus der Innenstadt, über den Mittleren Ring. Nur - es ging nicht so schell, wie er gehofft hatte. Immer wieder sah er auf die Uhr. Immer wieder stand er in langen Schlangen vor den Ampeln. Endlich das Autobahnschild, Blinker raus. Eingeschränkte Geschwindigkeit wegen Baustelle. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn standen sie schon in Richtung Mittlerer Ring, über den auch Kain Essener wieder zurück musste. Die Zeit drängte. Probefahrten machten definitiv mehr Spaß, wenn man mehr Zeit hatte und genügend Geld, sich das Auto auch gegebenenfalls zu kaufen. Kain gab die Autobahnfahrt auf, kehrte bei der nächsten Ausfahrt um und stand nun in diesem neuen Auto definitiv im Stau. War er die Sache falsch angegangen? Im Stau zu stehen frustrierte ihn auch in einem neuen Auto. Termin einhalten - endlich, auf dem mittleren Ring, kam er zügiger voran. Termin halten - draußen am Frankfurter Ring bog er in die falsche Richtung ab und stand nach einer Kehre wieder im Stau. Er schaffte es, nach einer Stunde und zehn Minuten zurück zu sein. Die junge Frau nahm den Wagen wieder in Empfang. Sie
merkte, dass Kain in der Stunde nicht zum kaufwilligen Kunden geworden war,
und unterließ taktvoll höflich weitere Fragen. Er erbat sich noch einen
Prospekt und verabschiedete sich dankend. Einen Anruf wegen einer Kundenbefragung erhielt er nicht. Klaus Gölker ©2004 | Home | |